Der Geist meiner Mutter

Es gibt Tage, an denen habe ich die Vermutung, der Geist meiner Mutter ist in mich gefahren. So heute. Wir bekommen morgen lieben Besuch, auf den ich mich sehr freue. Frau B. aus K. ist sehr selten in nördlichen Gefilden und das gilt es auszunutzen, zu Mal hier ein Bild hängt, das sie schon lange ihre Wände zieren sollte. Heute habe ich also Kuchen gebacken und auf einmal begann ich aufzuräumen, weil ja Besuch kommt. Da fiel mir auf, dass das in letzter Zeit öfters vorkommt. Jemand kündigt sich an und ich beginne den Besen zu schwingen, den Boden zu wischen und das Klo zu putzen. Meine Mutter wäre entzückt, da mein laxer Umgang mit Ordnung und Hausarbeit ein ewiger Quell der Verzweifelung für sie war. 

Die letzten Tage habe ich viel an meine Mutter gedacht, was vielleicht daran liegt, dass meine Tante, ihre jüngere Schwester, vor einigen Tagen gestorben ist. Es tat mir nicht besonders leid, dass meine Tante nun tot ist, sie hat es nicht leicht gehabt, eine unglückliche Ehe in deren Verlauf, sie das zweifelhafte Vergnügen hatte, ihren Kotzbrocken von Ehemann zu pflegen, der an MS erkrankt war. Die letzten Jahre war sie in einem Heim, ans Bett gefesselt und auch geistig nicht mehr ganz auf der Höhe. Sie, meine Mutter und ein Bruder waren die einzigen, der neun Kinder, die ein halbwegs normales Leben auf die Reihe gekriegt haben. Zwei meiner Onkel sind verschollen, keiner weiß ob sie noch leben und wenn wo. Zwei Onkel sind bereits tot, einer nach einem recht erfüllten Leben, soweit ich es beurteilen kann und einer hat sich tot gesoffen. 2/3 der Kinder, inklusive meiner Mutter und meiner Tante, hatten ein schweres Alkoholproblem.

Wenn ich an meine Mutter denke, dann wünschte ich mir, wir hätten uns mehr gemocht. Leider war das nicht der Fall. Heute verstehe ich mehr, dass sie war, wie sie war. Aufgewachsen in der Kriegszeit in einer Arbeiterfamilie. Der Vater schwerer Alkoholiker und die Mutter, entweder schwanger, im Kindbett oder krank, kaum Geld und viel Arbeit. Dann kriegte sie unverheirateter Weise mit 19 meine Schwester. War sicher nicht gerade leicht zu diesen Zeiten. Dann die Ehe mit meinem Vater und die Chance sich etwas aufzubauen. Meine Eltern haben aus Liebe geheiratet, was es sicher nicht immer leichter machte. Meine Großmutter väterlicherseits, die mich sehr geliebt hat, hat es meiner Mutter sicher nicht leicht gemacht. 

Der Traum meiner Mutter war eine glückliche Familie, der in erster Linie daran scheiterte, dass ihre und meine Vorstellungen von Glück weit auseinander klafften … und an meinem Drang nach Unabhängigkeit. Kurz gesagt, es endete damit, dass ich kaum noch nach Hause kam und wenn, dann gab es meistens Streit oder die Stimmung war unterkühlt. Das war sicher nicht nur ihre Schuld. Heute verstehe ich, dass viele ihrer Reaktionen der Angst um mich entsprangen. Zum Beispiel der, dass ich schwanger werden könnte. Der Satz „Pass bloß auf, dass du nicht mit einem Kind ankommst“, begleitete mich ab der ersten Regel, zu einer Zeit, in der ich noch nicht einmal an Sex dachte. 

Viele Jahre sind mir nur die katastrophalen Highlights unserer Beziehung eingefallen. Das ist seit einiger Zeit anders. Heute kommen viele schöne kleine Episoden wieder zum Vorschein. Vielleicht habe ich langsam meinen Frieden mit ihr gemacht. Allerdings mache ich mir auch nichts vor. Meine Mutter wäre mit meinem Leben nicht einverstanden. Keinen Beruf mit einem regelmäßigen Einkommen, keine Schrankwand und auf Transfairleistungen angewiesen. Meine Wohnung, im Souterrain, mit den gebraucht erworbenen Möbeln, ganz zu schweigen von dem Hund, der auf dem Sofa residiert, hätte sie angewidert. Doch vielleicht hätte sie doch ein Hauch von Zufriedenheit gestreift, wenn sie noch mitbekommen hätte, dass ich die Küche wische bevor Besuch kommt.

3 Gedanken zu „Der Geist meiner Mutter

  1. sie haben uns ein paar grund’weisheiten‘ mitgegeben auf die ich gern verzichten würde- was solls
    da die meine noch lebt bin ich zu altersmilde noch nicht in der lage
    aber manchmal kann ich nett zu ihr sein

  2. Bei solchen Aktionen erwische ich mich auch gelegentlich.
    Da hat die sonst wenig erfolgreiche Erziehung meiner Eltern dann doch Wirkung gezeigt.

    Wie ich überhaupt mit zunehmendem Alter feststelle, dass ich auch ansonsten einige Werte und Moralvorstellungen meiner Eltern ( und meiner Grosseltern) mehr übernommen habe, als mir lieb ist.
    Die Zeiten der Rebellion sind halt vorbei….

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