• Bücher,  Klassiker,  Rezensionen

    Das Denkmal des Schusters von Stieg Claesson

    Der Schuster Gustafsson hat das seine getan. Er wird nun in den Ruhestand gehen und seine Schwester meint: Gustafsson, sie und die beiden anderen Insassen, der kleinen Siedlung im Wald dort in Schweden, sind wie Denkmäler. Das bringt den Schuster auf eine Idee. Da ein neuer Briefkasten installiert werden muss, bringt er an diesem ein Schild in Form eines Pfeils an, der zur Siedlung zeigt und auf dem DENKMAL steht. Was als kleiner Scherz gedacht war, hat ungeahnte Folgen. Es ist Sommer Mitte der 60ziger Jahre in Schweden, die Menschen haben Urlaub und nun kommen die Touristen und wollen das Denkmal besichtigen. Gustafsson macht sich einen Spaß und führt sie zu der überwucherten Ruine eines alten Hauses und erklärt diese zu einem vorzeitlichen Grab.

    Stieg Claesson Schelmenroman wurde 1968 zuerst veröffentlicht. Er beschreibt das Landsterben, erzählt von deb Zurückgebliebenen, von den kleinen Höfen, die sich nicht mehr rentieren. Von den Alten, die das Ihre getan haben und nicht weitergeben können, was Generationen vor ihnen erhalten haben. Die Jungen sind in die Stadt gezogen, die Landwirtschaft wird immer industrieller und die Veränderungen lassen die zurück, die nicht einfach gehen können.

    Es ist eine bittersüße Geschichte, ein Blick auf ein Leben, das es so nicht mehr geben wird. Mit den Bewohnern der kleinen Siedlung, wird auch eine Art zu leben und zu arbeiten sterben.

    Stieg Claesson schreibt liebevoll, mit hintersinnigem Humor und unsentimental über die vier Denkmäler, die sich keinen Illusionen hingeben, wie es mit ihnen weitergehen wird. Die sich, so lange es geht, an ihrem Land festklammern werden, obwohl dort mittlerweile kein Bus mehr fährt, die Post nicht mehr geliefert wird und auch niemand mehr seine Schuhe zum besohlen bringt.

    Übersetzerin: Maike Barth

  • Bücher,  Rezensionen

    Das Lied des Ozeans von Anne Østby

    Mit Das Lied des Ozeans führt Anne Østby ihre Geschichte um, die fünf älteren Norwegerinnen aus Zartbitter ist das Glück, fort. Die Fabrik läuft, die Damen haben erreicht was sie erreichen wollten und nun geht es darum zu erhalten, was ihnen am Herzen liegt und es in die richtigen Hände weiter zu gehen. Ob Maraia, die für Kat, zu der Tochter wurde, die sie nie hatte, allerdings die Richtige ist, bleibt abzuwarten. Denn Maraia hört ein anderes Lied, dem sie folgen möchte.

    Zartbitter ist das Glück hat mich seinerzeit sehr begeistert und so war ich erfreut, dass es einen zweiten Teil geben sollte. Leider konnte dieser nicht wirklich überzeugen. Die Autorin spricht dabei so wichtige Themen an. Das Altern, das Sterben eines geliebten Menschen, den Klimawandel, den Wunsch des Weitergebens und trotzdem der jüngeren Generation die Möglichkeit zu geben den eigenen Weg zu finden und zu gehen. Leider setzt sie all dies recht ungeschickt um. Da ist zum Beispiel Ateca, die Hausangestellte. Sie lebt seit Jahren mit Norwegerinnen und erfährt viel über deren Bräuche und beobachtet, dass vieles bei ihnen anders läuft, als bei den Einheimischen, doch als sie noch Norwegen kommt, benimmt sie sich auf einmal, als wenn sie noch nie mitbekommen hat, dass andere Länder andere Sitten haben und verkommt von einer Frau mit praktischen Verstand, zur naiven Eingeborenen, die nicht über den Tellerrand gucken kann. Der zweite nicht sehr gelungene Charakter ist Maraia, fast achtzehn, verbunden mit ihrer Insel und auf eine nahezu gefühllose Art altkluge, oft genug taktlose, Wahrheiten und Platitüden verbreitend. Leider nicht sehr gelungen. ich hätte den Damen von Vale nei Kat einen besseren Abschluss ihrer Geschichte gewünscht.

    Übersetzerin: Gabriele Haefs

  • Bücher

    Anachronia 17 – Geist gegen Zeit

    Eine neue Anachronia ist erschienen. Die Hamburger Herausgeberin E. – M. Kallen hat nun bereits 17 Brückenschläge zwischen östlicher und westlicher Kultur auf den Weg gebracht und wie immer, war ich hoch erfreut, als diese Ausgabe in meinem Briefkasten landete. Besonders, weil zwei meiner Lieblingsautoren mit Beiträgen vertreten sind. Zum einen Levi Henriksen, Autor und Journalist aus Norwegen, der über die Freuden des Reisens, des Ankommens und am Entdecken der Ähnlichkeiten und Unterschiede, zwischen dem Herkunftsort und dem Reiseziel, in gewohnt eloquenter Weise schreibt.

    Des weiteren Gunnar Staalesen, aus Bergen/Norwegen. Dessen Protagonist Ole in Süß und Bitter erfährt wie die Gier nach Süßigkeiten zu einem traumatischen Erlebnis und schließlich zu Mord führt. Beide Texte wurden von Gabriele Haefs übersetzt.

    Aus dem östlichen Teil Europas ist neben Attila Pató und László Márton, der ungarische, in Serbien lebende Autor László Végel vertreten, der mit Eine angenehme Apokalypse – Tagebuch Fragmente aus der Zeit der Pandemie einen Einblick in den Umgang mit Corona in Serbien gibt. Vieles ist ausgesprochen vertraut. Sie wundert er sich, dass nach verkünden des Ausnahmezustands in Serbien, das Leben so normal weitergeht. Menschen sitzen in Cafés und unterhalten sich und das, obwohl die Angst vor dem Virus medial geschürt wird. Végel meint dazu:

    Es scheint es müsse das Angsthaben erst einmal gelernt werden

    Sein Text wurde von György Buda aus dem Ungarischen übersetzt.

    www.anachronia.eu

  • Bücher,  Daily Musings

    Abnehmender Mond

    Heute Morgen habe ich noch ein wenig Mond erwischt. Es ist noch das beste aller Fotos, aber mir gefällt es. Es spiegelt die momentane Stimmung ganz gut wieder. Ich habe sehr schlecht geschlafen und bin früh hoch, weil ich auf einmal total unruhig war. Gegen Mittag bestätigte sich dann auch, meiner Tochter geht es nicht so gut. Ich hoffe es ist nur vorübergehend und nein, es ist nicht das Ding mit C.

    Doch schönes war heute wieder in der Post. Das Denkmal des Schuster von Stig Claesson, übersetzt von Maike Barth.

    Klappentext:

    Der Schuster Gustafsson hat seinen Teil getan: Mit 72 Jahren gibt er seine Werkstatt auf. Viel war in der abgelegenen Gegend, in der sie stand, sowieso nicht mehr zu tun.
    Doch was jetzt?
    Er ist ein Relikt einer vergangenen Zeit, das weiß er. Aber ohne Arbeit … Was soll er tun? Doch als er, mit etwas Schalk im Nacken, ein Schild an der Landstraße platziert, ahnt er nicht, was er damit auslöst: Jetzt kommen Touristen!

    Ein Schelmenroman, eine hellsichtige Analyse, aber vor allem eine Liebeserklärung zu einem unmöglichen Fleckchen Erde mitten im Wald – das ist diese wunderbare Neuübersetzung des schwedischen Klassikers von Stig Claesson.

    Mehr dazu, sobald ich es gelesen habe.

  • Bücher,  Daily Musings,  Klassiker

    Aufräumen

    Oh ja, ich bin noch nicht durch mit dem seelischen Aufräumen. Da ist noch einiges zu tun. Wie so oft, geht es zusammen mit dem Aufräumen der Wohnung. Wie innen, so außen, heißt es doch so nett. Auch in meinen Lesezeichen hier auf dem Rechner räume ich auf. Einige neue sind dazu gekommen, einige andere sind gestrichen. Es ist gerade eine sehr wichtige Zeit für mich, denn es sind tiefgreifende Veränderungen in Gange. Nach wie vor mache ich meine Entscheidungen nicht von dem abhängig, was als gesellschaftlich konform gilt, sondern von dem, was ich mit meinen Erkenntnissen, meinem Gefühl und meinem Gewissen vereinbaren kann. Daher brauche ich auch keine Belehrungen, was ich doch zu tun hätte, um als solidarisch zu gelten. Thank you very much, aber ich bin durchaus in der Lage mir Informationen zu den betreffenden Themen zu beschaffen, das Für und Wider zu erwägen und dann eine Entscheidung zu treffen.

    Ansonsten genieße ich jeden einzelnen Sonnenstrahl und die Farben, bevor das Grau überwiegt. Viktor und ich gehen viel spazieren und auch sonst ist es trotz der vielen Abschiede und den anstrengenden Maßnahmen, mit denen wir leben, eine gute Zeit. Vieles habe ich in den letzten 2 1/2 Wochen klären, einiges sogar ganz ad acta legen und anderes aus einem anderen Blickwinkeln betrachten können. Freitag werde ich meine Hälfte der Raunächte abschließen und dann ist Viktor dran.

    Erfreuliches brachte auch die Post. Der Kröner Verlag hat sich ja an Sigrid Undsets Klassiker Kristin Lavranstochter gewagt und diesen von Gabriele Haefs neu übersetzen lassen. Wie das norwegische Original, in seiner ersten Erscheinungsform, wird es in drei Bänden erscheinen. Der Kranz kam im Frühjahr 2021, jetzt also der 2. Band Die Frau und dann im Frühjahr der 3. Das Kreuz.

    Sigrid Undset ist eine unglaubliche Schriftstellerin, deren Werke ich immer wieder lesen kann. An der Kröner Ausgabe ist das Besondere, dass es wahrscheinlich die erste deutsche Übersetzung aus dem Norwegischen ist. Die Übersetzerin hat in den alten Übersetzungen Bezeichnungen und Titel gefunden die in Norwegen nicht üblich waren, sondern auf eine Übersetzung aus dem Dänischen schließen lassen.

  • Bücher

    The Twin – Geliebtes Schwesterlein von Natasha Preston

    Ivy und Iris sind ein-eiige Zwillinge, 16 Jahre alt und haben gerade ihre Mutter verloren. Nach der Trennung der Eltern, zehn Jahre zuvor, sind die Mädchen getrennt von einander aufgewachsen. Ivy bei dem Vater und Iris bei der Mutter. Nachdem Tod der Mutter, zieht Iris nun zu Ivy und dem Vater. Ivy ist vielleicht nicht begeistert, ist aber bereit ihrer Schwester die Hand zu reichen und ihr das Einleben zu erleichtern. Doch Iris scheint das nicht zu wollen, auch hat sie jeden Kontakt zu ihren früheren Schulkollegen und FreundInnen abgebrochen. Bald hat Ivy eine Vorstellung davon, was Iris will, nämlich Ivys Leben. Ivy versucht sich zu wehren, in dem sie Nachforschungen im früheren Freundeskreis ihrer Schwester anstellt und fördert erschreckendes zu Tage … nur leider glaubt ihr niemand. Dies sind also die Zutaten für diesen Psychothriller für Jugendliche.

    Es ist, keine Frage eine spannende Geschichte, die sich sehr gut liest. Allerdings hat sie ihre Mankos. Das Buch hätte eine gründliche Überarbeitung vor Veröffentlichung gebrauchen können. Es ist an vielen Stellen redundant und unausgewogen. Doch vielleicht wird eine jugendliche Leserschaft das anders sehen, als eine Leserin meines Alters. Wirklich wunderbar fand ich die Schilderungen von Ivys Gefühlen beim Schwimmen. Dieses, sich dem Element Wasser hinzugeben, habe ich in der Schönheit nur bei John von Düffel gelesen.

    Übersetzerin: Gabriele Haefs

  • Bücher,  Fantasy,  Klassiker

    Sehnsucht nach Hogwarts

    Normalerweise beginnt das neue Schuljahr in Hogwarts am 01.September. Mich überkommt die Sehnsucht, mich dorthin zu begeben, allerdings immer so Ende November, Anfang Dezember. Dann krame ich die Harry Potter Bücher, gerne auch die Hörbucher – besonders die von Stephen Fry gelesenen -, hervor und ergebe mich von neuen der Magie der Geschichte. Mit „der Geschichte“ meine ich nicht ein bestimmtes Buch, sondern das Gesamtwerk. Denn das macht ja den Zauber aus, dass J. K. Rowling eine Geschichte über sieben Bücher erzählt.

    Manchmal frage ich mich, warum wirkt der Zauber nach all diesen Jahren immer noch? Es ist ja nicht so, dass ich große Lust hätte gegen Basilisken zu kämpfen oder es mit einem Voldemort aufzunehmen, ja, ich möchte nicht einmal nach Gryffindor, sondern wäre sehr viel lieber in Ravenclaw. Ich glaube, es hat viel damit zu tun, dass man, so lange man sich von diesem Harry Potter fernhält, eine richtig gute Zeit in dieser Schule haben kann. Dabei beschreibt J. K. Rowling ja bei Weitem keine ideale Welt, in der Magie alle Probleme löst, sondern eine, die gerade durch die Magie eine Menge Probleme hat, die wir, die wir ohne auskommen müssen, nicht haben. Für mich jedenfalls ist es einmal mehr an der Zeit mich auf den Bahnsteig 9 3/4 zu begeben und die Reise anzutreten.

    Auch als scheinbar Erwachsene, habe ich nie aufgehört Kinder- und Jungendbücher, besonders aus dem Bereich Fanatasy, zu lesen. Daher ist es besonders merkwürdig, dass ich Harry Potter und der Stein der Weisen zwar gleich nach Erscheinen in der Buchhandlung sah, mich aber gar nicht verlockt fühlte. Wie es doch dazu kam, ist eine komische Geschichte.

    Wie einige Leser und Leserinnen wissen, bin ich spirituell in Sachen Wicca und Druidcraft unterwegs. Als ich 2000 nach Kiel kam, habe ich als Tarotberaterin gearbeitet und eines Tages rief mich eine Studentin an, die Hintergrundinformationen zum Thema „neue“ Hexen für eine Arbeit brauchte und um ein Interview bat. Während unseres Gesprächs kam sie auf die Funktion des Zauberstabs und Harry Potter zu sprechen. Sie hatte so leuchtende Augen, als sie von dem Buch sprach, dass ich unmittelbar nach unserem Gespräch losging, es mir kaufte und auf einen Rutsch durchlas. Seit dem bin ich verloren und der Zauber hat die letzten 20 Jahre nie so richtig nachgelassen und immer wieder zieht es mich dorthin zurück.

    Hier der Link zu einer Dokumentation über die Autorin und ihren Erfolg.

  • Bücher

    Neuer Lesestoff

    Gestern und heute brachte die Post interessantes. Sensibel von Svenja Flaßpöhler ist ein Buch auf das ich mich besonders freue. Denn das Thema interessiert mich und die Autorin schätze ich sehr.

    Klappentext:

    »Sensibilität ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Im Kampf um Anerkennung unterdrückter Gruppen spielt sie eine wichtige Rolle. Aber sie kann auch vom Progressiven ins Regressive kippen. Über diese Dialektik müssen wir nachdenken, um die gesellschaftliche Polarisierung zu überwinden.«
    Svenja Flaßpöhler
    Mehr denn je sind wir damit beschäftigt, das Limit des Zumutbaren neu zu justieren. Wo liegt die Grenze des Sagbaren? Ab wann ist eine Berührung eine Belästigung? Svenja Flaßpöhler tritt einen Schritt zurück und beleuchtet den Glutkern des Konflikts: die zunehmende Sensibilisierung des Selbst und der Gesellschaft.
    Menschheitsgeschichtlich steht die Sensibilisierung für Fortschritt: Menschen schützen sich wechselseitig in ihrer Verletzlichkeit, werden empfänglicher für eigene und fremde Gefühle, lernen, sich in fremde Schicksale hineinzuversetzen und mit anderen zu solidarisieren. Doch diese Entwicklung hat eine Kehrseite: Anstatt uns zu verbinden, zersplittert die Sensibilität die Gesellschaft. Erleben wir gerade den Kipppunkt fortschreitender Sensibilisierung? Svenja Flaßpöhler erzählt die Geschichte des sensiblen Selbst aus philosophischer Perspektive, beleuchtet die zentralen Streitfragen der Zeit und arbeitet den Grund für die prekäre Schieflage heraus: Weil die Widerstandskraft bis heute mit kalter Verpanzerung assoziiert wird, gilt sie als Feindin der Sensibilität. Aber stimmt das? »Sensibel« ist ein hochaktuelles, philosophisches und gleichzeitig unterhaltsames Buch, das die Sensibilität dialektisch durchleuchtet und zu dem Schluss kommt: Die Resilienz ist die Schwester der Sensibilität. Die Zukunft meistern können sie nur gemeinsam.

    Die Anachronia ist eine sehr feine, mehrsprachige, Literaturzeitschrift, die von Eva-Maria Kallen herausgegeben wird und die sporadisch erscheint. In der Ausgabe 17 sind Texte zweier meiner Lieblingsautoren: Levi Henriksen und Gunnar Staalesen. Ich werde mehr berichten, sowie ich alles gelesen habe.

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    Ein Grab für zwei von Anne Holt

    Anne Holt: Ein Grab für zwei („En grav for to“), 978-3-85535-121-3, Atrium – Übersetzerin: Gabriele Haefs

    Ein neuer Anne Holt ist immer ein Grund zur Freude, denn selbst ihre nicht ganz so gelungenen Werke, liegen noch weit über dem Durchschnitt. Ein Grab für zwei stimmt nun besonders froh, da es der Auftakt zu einer neuen Serie ist.

    Selma Falk, ehemalige Handball-Olympia-Medaillengewinnerin, erfolgreiche Rechtsanwältin mit Starqualitäten ist abgestürzt. Beruflich, privat, alles scheint zusammen zu brechen. Das ist der Punkt, an dem Jan Morrell vor ihrer Tür steht und ihr ein Angebot macht. Seine Tochter, Norwegens große Hoffnung auf Olympiagold im Langlauf, sieht sich Dopingvorwürfen ausgesetzt. Als kurz darauf ein weiterer Skiläufer des Olympiateams tot aufgefunden wird und bei ihm ebenfalls Dopingverdacht besteht, scheint es klar zu sein, dass jemand dem Olympia-Team schaden will. Allerdings hat Selma Falk ihre Zweifel, dass es so einfach ist.

    Mit Selma Falk führt Anne Holt eine nicht ganz typische Ermittlerin ein. Sie ist weder Polizistin noch Privatdetektivin, verfügt allerdings durch ihren Bekanntheitsgrad und ihre Arbeit als Rechtsanwältin über exzellente Verbindungen zu diversen Institutionen und Menschen der unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. Der Plot ist gut konstruiert, allerdings ohne konstruiert zu wirken, die Charaktere sind lebendig und ein besonderer Lichtblick ist Selmas Freund, der Obdachlose Einar Falsen, ein ehemaliger Kriminalbeamter mit Paranoia.

    Anne Holt zeigt einmal mehr, dass ein guter Kriminalroman ohne Gewaltpornos auskommt und es der Spannung keinen Abbruch tut, wenn die Charaktere dreidimensional sind und nicht bloße Avatare für den nächsten Mord.

    Im nächsten Herbst kommt der zweite Teil. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man bei so einer Ankündigung denkt: Was, so lange noch?

  • Bücher,  Rezensionen

    The Carbon Diaries – Euer schönes Leben kotzt mich an – Saci Lloyd

    Dieses Buch ist bereits 2009 erschienen und nun vom Arena Verlag neu aufgelegt worden. Die Handlung ist in 2015 London angelegt.

    Laura ist 16, ihre Familie Mittelstand, eine ältere Schwester, der Vater Lehrer, die Mutter arbeitet in einem Verlag. Eine Familie, mit Auto, Smartphones und allem was das Leben leichter macht. So erwischt es sie ziemlich kalt, als die Regierung einen Carbonpass einführt. Ab sofort hat jeder Bürger, jeder Haushalt, ein gewisses Kontingent an Strom – später auch an Wasser – zur Verfügung, wer mehr verbraucht wird bestraft.

    Das Buch ist in Tagebuchform aus Lauras Sicht geschrieben. Sie beschreibt die gesellschaftlichen Veränderungen, die die Maßnahmen und der immer totalitärer werdende Staat auslösen. Wie die lange ignorierten Baustellen in ihrem engsten Umkreis fast zum Auseinanderbrechen ihrer Familie führt und natürlich auch, welche Zukunftsaussichten ihr bleiben, in der Schule, in der Liebe und ihrer Band, den Dirty Angels.

    Mir hat das Buch sehr gefallen. Gerade diese Tagebuchform macht es spannend. Es ist für ein jugendliches Publikum geschrieben, aber ich denke auch Erwachsene sind nicht schlecht damit bedient.

    Übersetzerin: Babara Adebi

    Die Neuauflage ist mit einem Nachwort von Isabel Abedi, der Tochter der Übersetzerin, versehen und so gut, wie mir das Buch gefallen hat, so sehr habe ich mich über eine Aussage im Nachwort geärgert.

    Wer diese Umweltbewegung in Gang gebracht hat, waren allerdings nicht wir Erwachsenen. Es waren die Schülerinnen und Schüler eurer Generation. Alles voran Greta Thunberg, die im Dürresommer 2018 mit den Worten „Schulstreik für das Klima“ jeden Freitag auf die Straße ging und unzählige von euch aktiviert, die Menschen im Namen der Erde wachzurütteln.

    Nachwort Isabel Adebi zu The Carbon Diaries

    Meine liebe Frau Adebi, das stimmt so einfach nicht. Es begann Ende der 70ziger, mit den Grünen, mit Greenpeace, Robin Wood und der Anti AKW Bewegung. Auch möchte ich an den Aufruf „Jute statt Plastik“ erinnern, der in den 80ziger Jahre erschall, erinnern. Warnende Stimmen und Aktionen gab es genug, nur haben Wirtschaft und Politik es vorgezogen nicht zu handeln. Ein wenig historische Perspektive kann also nicht schaden.

    Dieses missglückte Nachwort ändert allerdings nichts daran, dass es ein gutes, wichtiges Buch ist und trotz des bedrückenden Themas, auch ein stellenweise sehr amüsantes.